Giuliano Calore – Rekordfahrt am Stilfser Joch

Pubblicato: 23 novembre 2016 in Senza categoria
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Giuliano Calore: Rekordjäger am Stilfserjoch

Giuliano Calore: Nachts ohne Lenker und Bremsen am Stelvio

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RennRad: Giuliano, Du bist 77 Jahre alt und kennst den Stelvio vermutlich wie kein anderer. Was hat Dich dazu bewegt, jetzt noch einmal deine Gesundheit zu riskieren? An diesem Pass, nachts, ohne Bremse, ohne Lenker. 

Giuliano Calore: Das Verbotene fasziniert mich ja seit jeher. Dass ich mit 77 Jahren in der Lage war, meinen 13. Rekord am Stelvio aufzustellen, obwohl das vorher von einigen für undenkbar und unmöglich gehalten wurde, hat mich am Ende mit einem unglaublichen Glücksgefühl und Stolz erfüllt. Vor jedem Projekt frage ich mich, wo die Grenzen des Menschen sind. Ich orientiere mich dabei weder an der Wissenschaft noch an irgendwelchen Technologien. Ich will einfach nur begreifen, welche Wunder ein Mensch mit einfachen Mitteln vollbringen kann. In meinem Fall ist die Maschine mein Rad. Seit Jahren habe ich von diesem Rekordversuch geträumt. Die Schwierigkeiten und Gefahren, die mich dabei erwarten würden, schienen das ganze Projekt unmöglich zu machen.

Wie hast Du den Rekordtag in Erinnerung? Warst du nervös oder erleichtert, als es endlich los ging?

Wir warteten seit Tagen am Fuße des Stelvio darauf, dass sich das Wetter endlich bessern würde. Diese ganze Warterei machte mich natürlich ganz nervös. Der einzige Tag, an dem sich das Wetter von seiner besten Seite zeigte, war dann am Freitag, dem 31. Juli 2015. Als es dunkel war, fuhren wir endlich zur Passhöhe hinauf. Dort oben hat ein kleines Auto auf uns gewartet, das mir im Falle von Schwierigkeiten sofort hätte helfen können. Vor Ort war außerdem schon das Filmteam, das mich auf meiner Rekordfahrt begleiten wollte. An der Strecke standen auch einige Fans, die extra von weit her angereist waren, um mich zu sehen. Der Himmel zeigte sich sternenklar, nachdem wir so lange ausgeharrt hatten. Das gab mir die Gewissheit, dass ich das erreichen kann, was ich mir vorgenommen hatte.

Welche Gedanken gingen Dir beim Start durch den Kopf? Denkt man in diesem Moment überhaupt oder ist man nur darauf fokussiert, gleich bloß keinen Fehler zu machen? 

Mein Optimismus war in dem Moment verflogen, als ich die Autotür geöffnet habe. Auf der Passhöhe wehte ein starker Wind, der die Temperatur noch kälter erscheinen ließ. Die Temperaturen schienen weniger das Problem. Ich hatte die richtigen Klamotten dabei. Wovor ich mich mehr fürchtete, waren die Windböen, die mein Vorderrad von der Straße wehen könnten, ohne dass ich irgendwie die Möglichkeit hätte gegenzusteuern. Alle 48 Kehren unter diesen Bedingungen erfolgreich zu absolvieren, schien total verrückt zu sein.

Eigentlich hatte ich ja einige großartige Tests auch unter schwierigen Bedingungen hinter mir. Doch die gegebenen Verhältnisse waren die gefährlichsten. Einige Crewmitglieder versuchten mich sogar davon zu überzeugen, aufzugeben und es bei besserem Wetter erneut zu versuchen. Natürlich gab es da Momente der Spannung zwischen der Crew und mir. Ich versuchte alle zu beruhigen: In extremer Gefahr würde ich einfach schnell mit einem großen Hüpfer vom Rad springen. Den hatte ich mir vorher schon angeeignet. Es ist die einzige Möglichkeit, während der Fahrt vom Rad zu steigen, ohne sich dabei schwer zu verletzen.

Und wie ging es dann weiter? 

Bevor es wirklich losging, haben sich alle meine Begleiter von mir entfernt. Ich stand also plötzlich ganz alleine da mit meinem Rad – in dieser sternenklaren Nacht. Ich brauchte ein paar Minuten, um mich in dieser Stille bis zum Äußersten zu konzentrieren.

Der Start vom 2.757 Meter hohen Stilfserjoch erfolgte dann um 22:20 Uhr. Meine große Angst während der ersten zehn Kehren werde ich nie vergessen. Es sind die anspruchsvollsten Passagen überhaupt. Das Ganze bei diesem Wind. Ein Albtraum. Eine Tortur. Es kam mir vor wie ein Test, der außerhalb meiner Fähigkeiten lag.

Wie bist Du mit der Angst vor dem Scheitern umgegangen?

Dafür war gar keine Zeit. Die Windböen drückten mein Vorderrad an den Straßenrand. Immer wieder habe ich so beinahe die Schutzmauern am Straßenrand berührt. Ich musste ständig mehr riskieren, als ich wollte. Das Risiko, das ich ging, war groß – zu groß. Mehr als einmal musste ich mit einer akrobatischen Sprungeinlage vom Rad steigen.

Aber Du bist trotzdem weitergefahren.

Ja, aber unter diesen Umständen schien es mir fast unmöglich, 48 Kehren lang die Konzentration hochzuhalten. Als sich diese pessimistischen Gedanken in meinen Kopf schlichen, bekam ich gar nicht mit, was geschah: Je mehr ich an Höhe verlor, desto mehr schwächte sich auch der Wind ab. Ich fasste also wieder Vertrauen. Ich mobilisierte meine Kräfte und dachte wieder daran, eine Performance abzuliefern, die es so in der Radsportgeschichte noch nicht gegeben hat.

Welche Gefühle waren da noch während der langen Abfahrt? 

Im Laufe meiner Abfahrt fühlte ich eine große Distanz zwischen mir und den Menschen, die mich in der Ferne begleiteten. Das gab mir ein Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit. Normalerweise habe ich ja eine Reihe an Freunden und Fans dabei, die mich unterstützen. Bei dem Rekordversuch war ich allerdings oft komplett alleine gegen die Dunkelheit und gegen meine Angst. Aus der Entfernung konnte man mich nur erahnen. Ein schmales weißes Licht, das sich bewegte, in einer schwarzen Landschaft. Die wenigen Menschen, die vor Ort waren, spürten wohl, dass sie präsent sein müssen und feuerten mich lautstark an. Ich hörte die Schreie schon aus der Entfernung. Dadurch fand ich neue Motivation und Mut. Diese Schreie waren mehr wert als alles andere.

Gab es auch weiter unten am Pass, ohne Wind, noch Momente, in denen Du an Deinem Vorhaben gezweifelt hast?

Einmal konnte ich nur wie durch ein Wunder drei Steinen auf der Straße ausweichen. Kurz vor dem Ziel wurde es erneut brenzlig. Meine Bauch- und Rückenmuskulatur wurde müde. Ich merkte zu spät, dass sich ein kleines Loch vor mir auf der Straße auftat. Ich konnte es nicht mehr vermeiden, hineinzufahren. Mein Vorderrad begann im Anschluss hin und her zu schwingen. Die Situation war extrem gefährlich. Beinahe hätte ich die Schutzmauern an der Straßenbegrenzung touchiert. Das war allerdings der letzte Schreck, bevor ich den legendären Pass endgültig bezwungen hatte.

Unten im Ziel warst Du vermutlich einfach nur froh, heil angekommen zu sein, oder?

Ich konnte meine Emotionen nicht zurückhalten und stieß einen lauten Schrei der Erleichterung aus. Der Albtraum war zu Ende. Aber er war es mir wert. Die Abfahrtsdauer von der Passhöhe bis ins Ziel lag übrigens bei 52 Minuten.

Eine unglaubliche Leistung. Eines musst Du uns aber noch verraten: Wie hast Du eigentlich bergab gebremst?

Normalerweise würde ich mit meinem linken und rechten Fuß Druck auf das Hinterrad ausüben. In diesem Falle war dies nicht möglich, weil die Reifen nach wenigen Kilometern überhitzen würden. Ich fuhr also stattdessen ständig diagonal die Straße bergab. Vor Kurven machte ich ein paar schnelle Bewegungen aus dem Becken heraus. Die manövrierten das Rad entweder nach rechts oder links. Ich musste dabei aufpassen, dass sich das Vorderrad bei diesen schnellen Bewegungen nicht um die eigene Achse dreht. Der ganze Bremsvorgang brauchte höchste Präzision. Eine falsche schnelle Körperbewegung hätte das Vorderrad aus der Bahn gebracht und ich hätte keine Chance mehr gehabt zu korrigieren.

Wie oft bist Du die 48 Kehrren des Stilfserjochs in Deinem Leben schon hoch- und runtergefahren? 

Ich glaube in 38 Jahren als Radfahrer bin ich den Pass rund 220 Mal hinaufgeklettert. Am 26. Juli 1984 habe ich die 48 Kehren einbeinig in der Rekordzeit von einer Stunde und 36 Minuten absolviert. Davor hatte ich einen Monat am Fuße des Berges mit Training verbracht. Mehr oder weniger die gleiche Vorbereitung hatte ich am 18. August 1989, als ich mit einem normalen Rad, ohne Lenker und Bremsen – diesmal mit beiden Beinen pedalierend – den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde schaffte: 1 Stunde, 17 Minuten und 18 Sekunden. Den Stelvio bergauf zu fahren birgt aber kaum Risiken. Ihn ohne Bremsen bergab zu nehmen dafür umso mehr.

Handelte es sich bei Deinem Rad eigentlich um eine Spezialkonstruktion? Welche Räder fährst du im Alltag?

Keineswegs. Es ist ein ganz normales Rennrad, an dem Lenker und Bremsen demontiert wurden, um es instabiler zu machen. Im Alltag fahre ich schon mein ganzes Leben lang Rennräder, erst aus Aluminium, dann aus Carbon.

Wie hältst Du Dich sonst fit? Wie viele Kilometer verbringst Du auf Deinem Rad?

Ich trainiere täglich. Wenn ein Sportevent oder ein neuer Rekordversuch anstehen, dann steigere ich natürlich im Vorfeld meinen Trainingsaufwand. Mein ganzes Leben lang habe ich nie geraucht. Ich trinke nie mehr als ein halbes Glas Wein zum Essen. Ich esse viel Obst, Gemüse und weißes Fleisch in Maßen. Dazu gibt es ein- oder zweimal die Woche auch Fisch.

Welchen Stellenwert hat der Radsport in Deinem Leben?

Radfahren bedeutet mir einfach so viel. In jungen Jahren habe ich auf einem normalen Fitnessrad mit einem Rucksack auf den Schultern die Dolomiten durchquert und war gefangen von der traumhaften Landschaft dort. In meiner Familie sind alle Musiker. Als passionierter Pianist seit dem siebten Lebensjahr und als Komponist hat mir das Radfahren geholfen, meine schönsten Melodien zu komponieren. Bei einem meiner Rekorde am Stilfserjoch habe ich 1981 während der Auffahrt vier verschiedene Musikinstrumente von insgesamt 33 Kilogramm gespielt, bis ich endlich oben ankam.

Du kennst den Radsport noch aus den Zeiten von Fausto Coppi. Was hat sich Deiner Meinung nach geändert? Was unterscheidet die damaligen Fahrer von der Radprofi-Generation heute?

Ich habe diese alte Art der heroischen Rennen viel mehr geliebt. In dieser Zeit sind die Fahrer noch über staubige Straßen gefahren, mit Reifen auf ihren Schultern und mit nur einem oder zwei Gängen. Sie haben versucht 300 Kilometer vor dem Tagesziel alleine davonzufahren, ohne große taktische Finessen, ohne Team, ohne Funk. Ich nehme heute noch gerne an historischen Rennen teil, bei denen ich die Emotionen meiner Jugend wieder durchlebe.  //

 

Die Rekordliste von Giuliano Calore

17. Juli 1979 – Calore bewältigt das Stilfserjoch bergauf, ohne dabei ein einziges Mal den Lenker zu  berühren. Fortan ist der Mitarbeiter eines großen italienischen Stromversorgers dem Stelvio verfallen – und stellt einen Rekord nach dem nächsten auf.

29. Juli 1981 – Calore fährt das Stilfserjoch bergauf und spielt abwechselnd vier Instrumente, die insgesamt 33 Kilogramm wiegen, ohne anzuhalten oder vom Rad abzusteigen.

28. Juli 1983 – Calore bezwingt 14 der bekanntesten Dolomiten-Bergpässe über eine Distanz von 330 Kilometern in nur 13 Stunden.

26. Juli 1984 – Calore fährt bei schlechten Wetterbedingungen einbeinig auf das Stilfserjoch. Er benötigt eine Stunde und 36 Minuten.

20. Juli 1985 – Neue Rekordzeit bergab am Stilfserjoch: 27 Minuten und 1 Sekunde – ohne Lenker und Bremsen.

27. Oktober 1986 – Calore erklettert das Stilfserjoch, bei 10 Grad unter Null in 2 Stunden und 20 Minuten. Nach Schneefall ist die Straße eisglatt.

18. August 1989 – Calore erklimmt das Stilfserjoch ohne Lenker und ohne Bremsen in der Rekordzeit von 1 Stunde, 17 Minuten und 18 Sekunden.

6. Dezember 1990 – Ohne Spikes an den Reifen überwindet Calore 15 Dolomitenpässe mit dem Mountainbike (321 Kilometer) in 15 Stunden und 11 Minuten. Die Straßen sind vereist, die Temperaturen liegen zwischen -14 und -20 Grad.

28. September 1991 – Calore fährt in Padova einen Parcours bestehend aus 2.520 Pfählen, die jeweils in einer Distanz von 54 Zentimetenr nebeneinander aufgestellt sind, ohne Hände am Lenker in einer Zeit von nur einer Stunde.

6. April 1992 – Calore überwindet in Zürich 6.500 Hindernisse in fünf Stunden.

21. Juli 1998 – Calore verkompliziert die Abfahrt vom Stilfserjoch, indem er an jeder der 48 Kurven zwei 1,5 Meter hohe Pfähle im Abstand von 52 Zentimetern aufstellt. Er durchfährt sie alle, ohne einen einzigen der 96 Pfähle umzustoßen, in einer Zeit von 37 Minuten.

20. März 2001 – Calore fährt ohne Bremsen, Lenker und ohne Starrlauf auf einer Eisbahn einen Parcours mit 228 Toren, die nur 46 Zentimeter voneinander entfernt sind, ohne einen der 456 Pfähle umzustoßen. In einer halben Stunde schafft er 57 Runden und das alles mit normalen Rennradreifen.

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